Badische Zeitung - Mittwoch, der 15. März 2006

Die “Höllenfahrt” des Don Juan als Abstieg in die Banalität des Alltags
Titelheld nicht als Verführer und Frauenheld, sondern als grüblerischer Intellektueller, dessen Leidenschaft der Geometrie gilt / Max Frischs Komödie am “Faust”


Reife Bühnenleistung: “Don Juan oder die Liebe zur Geometrie” am Faust-Gymnasium.

STAUFEN. Er bekundet, sich nichts aus Frauen zu machen und befasst sich lieber mit Linie, Fläche und Raum. Dennoch ist er Don Juan, der legendäre Verführer. Mit Max Frischs Komödie “Don Juan oder die Liebe zur Geometrie” hatte sich die Theater-AG am Faust-Gymnasium einem ehrgeizigen Projekt verschrieben, das sich bei der Premiere als geglückt darstellte.

Die beiden Regisseure – Andrea Wiese, Deutsch- und Englischlehrerin der Schule, und Martin Mayer, der auch schon an Auerbachs Kellertheater inszenierte – setzten die Bühnenwirksamkeit des Stückes um in hohen optischen Reiz und sich allmählich steigernde Dynamik, garniert mit musikalischen Effekten. Unter besten Voraussetzungen konnten die Schülerinnen und Schüler der Klassen 9 bis 13 ihre Theaterbegeisterung ausagieren und stellten überdies unter Beweis, wie exakt sie ihre Rollen einstudiert hatten.

Don Juan, eine Gestalt, der sich viele Dichter mit unterschiedlichen Akzenten gewidmet haben, mal die komische, mal die tragische Seite betonend. Max Frisch, der so oft die Widersprüchlichkeit menschlicher Existenz zum Thema gemacht hat, verfasste sein Spiel um den spanischen Frauenhelden als Komödie, wenngleich die geistreichen, geschliffenen Dialoge nicht gerade von unbeschwerter, leichtfüßiger Art sind. Vielmehr wird da ein eher grüblerischer, intellektueller Held gezeichnet, der nach Gewissheiten im Leben sucht, Amouren jedoch als flüchtig erfährt.

Nur wenig bleibt ihm davon in Erinnerung, darum kürt er die Geometrie zu seiner Geliebten. Bei ihr findet er Klarheit und Beständigkeit. Doch scheint es sein Schicksal zu sein, immer wieder vor eifersüchtigen Ehemännern flüchten zu müssen und gar zum Mörder zu werden.

Um all das auf die Bühne zu bringen, musste nach Worten von Andrea Wiese “ein Riesenapparat in Bewegung gesetzt werden” . Mehr als 30 Mitwirkende, Technik und Maske eingeschlossen, waren beteiligt. Darüber hinaus gab es Unterstützung von vielen Seiten. Eine wichtige Voraussetzung für die Effektivität des Spektakels war die Beschaffung der historischen Kostüme. Was schon den Breisacher Festspielen Glanz verlieh und der Staufener Kostümverleih Funduz hergab, vermittelte auf der Bühne der Aula schließlich ein stimmiges Gesamtbild, dem ein klares Farbkonzept zu Grunde lag. Es beschränkte sich auf Rot, Weiß und Schwarz, was die Wirkung der einzelnen Farben beträchtlich erhöhte. Auch bei einer temporeichen Maskerade setzten diese Töne ihre Akzente. Der Don Juan und jugendliche Heißsporn der ersten Akte (Lukas Augustin) wie die von ihm verführte Donna Anna (Karin Obst) ganz in Weiß. Der Schleier der Hure Miranda (Veronika Glotz), welcher den Frauenheld glauben lässt, sie sei Anna, ist so schwarz wie die Soutane des schmerbäuchigen Paters Diego (Leonhard Sprenger).

Nach der Pause, der Held ist jetzt 13 Jahre älter, schwelgt das Auge dann in leuchtendem Rot. Den nun sichtlich abgeklärten Herzensbrecher gibt Fabian Stichling, seit vier Jahren Mitglied der Theater- AG. Während der lautlosen Umbauten auf der Bühne geht das Spiel vor dem feuerroten Vorhang weiter, munter gestaltet von der üppig dekolletierten Bordellmutter Celestina (Anja Eifler), und Miranda, der sie die verliebten Flausen aus dem Kopf zu treiben sucht. Hübsch anzusehen auch die zwölf anderen Darstellerinnen, von denen manche mangels männlicher Präsenz in der Theater-AG Hosenrollen übernehmen mussten und sich, zum Beispiel als Komtur (Miriam Flaig) oder fechtende Vettern, wacker darin schlugen.

Als Höhepunkt der Geschehnisse setzt Don Juan in Gegenwart seiner einstigen Geliebten seine eigene Höllenfahrt in Szene. Blitze zucken, Schwefeldämpfe steigen auf und ein steinerner Gast wird lebendig. Die Damen brechen in Schreie des Entsetzens aus.

Doch ist alles nur ein Schwindel, entlarvt vom Bischoff von Córdoba (Jonathan Mengel) — in Wirklichkeit ein gehörnter Ehemann — von dem sich Don Juan eine Klosterzelle erhoffte, um dort, vom Weibe verschont, nur noch seiner Geometrie leben zu können. Jetzt bleibt ihm nichts als die Heirat mit der reichen Herzogin von Ronda, zu der Miranda avanciert ist. Statt in die Hölle zu fahren, erlebt der Frevler den Abstieg in die Banalität des Ehe- und Familienalltags — und die Vögel zwitschern dazu.

Als der Vorhang fällt, werden die Mitwirkenden für ihre Leistung stürmisch gefeiert.

Dorothee Möller-Barbian