Badische Zeitung - Dienstag, der 30. Januar 2007

Göttliche Flucht in einer Badewanne
Die Theater-AG des Faust-Gymnasiums führt "Der gute Mensch von Sezuan",
eine Parabel von Bertolt Brecht, auf

STAUFEN. Selbst für diejenigen, die die Werke des überzeugten Kommunisten und Nazi-Gegners Bertolt Brecht als nicht mehr zeitgemäß empfinden, kann Entwarnung gegeben werden: Was die Staufener Theater-AG mit ihrer Parabel "Der gute Mensch von Sezuan" in der Aula des Faust-Gymnasiums bei der Premiere auf die Beine stellte, war schlicht unterhaltsam, ohne allzu sehr in harsche Kritik an Kapital und Religion auszuufern. Auf die Verfremdungseffekte des epischen Theaters wurde unter der Regie von Andrea Wiese weitgehend verzichtet, die Sprache des 1943 in Zürich uraufgeführten Stücks hingegen etwas aufpoliert. Was der ambitionierten Aufführung, die immerhin drei Stunden (mit Pause) dauerte, wahrlich gut bekommen ist.

Drei blasierte und ignorante Götter, erfrischend gespielt von Emely Hauser, Juliette König und Annika Günter, kommen in die chinesische Provinz Sezuan, um einen einzigen guten Menschen zu finden, der die Einrichtung der Welt, so wie sie ist, rechtfertigt. In der mittellosen Prostituierten Shen Te glauben sie, diesen Menschen gefunden zu haben. Die Götter geben ihr ein kleines Guthaben, wovon sich Shen Te einen Tabakladen leisten kann. Doch ihr selbstloses Engagement für andere führt zu ihrem eigenen Ruin. Um dem Anspruch der Götter "gut zu sein und doch zu leben" gerecht zu werden, ist sie immer häufiger gezwungen, in die Rolle ihres skrupellosen Vetters Shui Ta zu schlüpfen.
Die überzeugende Hauptdarstellerin Sophia Emmerich als Shen Te/Shui Ta verwandelte sich dabei mühelos und ausdrucksstark von der gutmütigen Prostituierten in den eiskalten, menschenverachtenden Tabakkönig. Sehen lassen konnten sich auch die anderen Darstellerinnen und Darsteller, die — allesamt text- und spielsicher — der Theater-AG alle Ehre machten. Sei es Julian Braun als verhinderter Flieger Yang Sun — zunächst skrupelloser Geliebter der Shen Te und später Verräter an den Gefährten des eigenen Elends — oder Leonard Sprenger als verzweifelter und gutmütiger Wasserverkäufer Wang. Und Gabriele Rentsch als Witwe Shin, Annika Rockstoh als Hausbesitzerin Mi Tzü und Maximilian Plaha als Barbier Shu Fu übertrafen sich schon fast gegenseitig bei der Verkörperung von Neid, Missgunst, Egoismus und Habgier. Zu den Höhepunkten des Abends zählte zweifellos die letzte Szene: Shen-Te steht als Vetter vor den drei Göttern, die Gericht über sie halten; ihr Hilfeschrei "Gut zu sein zu anderen und zu mir konnte ich nicht" , prallt an der Ignoranz und Borniertheit der Erleuchteten ab: Muss die Welt jetzt geändert werden?

Nein, nein, es ist alles so in Ordnung, wie es ist, befinden die Götter. Sie verlassen fluchtartig die Welt, um sich nicht selbst in Frage stellen zu müssen — zum allgemeinen Spaß in einer Badewanne, umgebaut als rosarote Wolke, im Schlepptau ein barfüßiges Rauschgoldengelchen (Jonathan Wiese).

Ob diese gelungene Aufführung im Sinne Brechts eine Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins beim Publikum erzielt hat, sei dahingestellt. Hohen Unterhaltungswert trotz einiger Längen hatte sie jedoch allemal.

Ute Wehrle